Sinnlichkeit fehlt !

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von Susanne Schumann 22.12.2021, Präsenzmangel? Was soll das denn schon wieder sein? Kurzfassung: Zu wenig erleben, zu wenig Bewegung und Sinnlichkeit, also sich als Körper erleben, zuviel Bildmedien, Filme und Serien konsumieren, macht depressiv und krank!

Ich denke, also bin ich. Wissen ist Macht. Ach wie gut, dass wir rechtzeitig smart geworden und das Internet erfunden haben, sonst hätten wir in der Pandemie ja gar nicht arbeiten oder uns virtuell daten können, furchtbare Vorstellung. Wir Menschen sind vergleichsweise helle Köpfchen und darauf legen wir insbesondere in unserer Gesellschaft großen Wert. Wir schämen uns für dumme Fragen oder Rechtschreibfehler (als wäre an der deutschen Rechtschreibung irgendetwas genial) und drehen durch, wenn wir für etwas keine Erklärung haben. Wir vertrauen lieber Uhren und Smartwatches als unserem Zeit-, Müdigkeits- oder Hungergefühl und sobald wir nicht wissen, sondern nur eine Intuition haben, sind wir ratlos, unsicher und fürchten uns, Entscheidungen zu treffen.

Wir sind mehr als denkende Wesen 

Doch unsere Fähigkeit, zu denken und den Zusammenhang zwischen einem fliegenden Blatt und Wind zu sehen, ist nicht alles, was uns ausmacht. Sie ist eine Eigenschaft wie die zum Graben geeigneten Vorderläufe des Maulwurfes: Hat sich als evolutionärer Vorteil erwiesen, deshalb noch da. Aber da ist eben auch noch mehr. Und das drohen wir zu vernachlässigen, wenn wir uns zu sehr auf das Denken und Geistig-Abstrakte fokussieren. Im schlimmsten Fall mit gravierenden Auswirkungen auf unsere (psychische) Gesundheit. Denn was wir bei all der Begeisterung über unsere kognitiven Fähigkeiten manchmal vergessen: Jeder unserer Gedanken ist an unseren Körper gebunden. Ohne einen lebendigen, menschlichen Organismus kein (echter) Kommentar unter einem Instagram-Post. Und als körperliche Einheit brauchen wir nicht nur Apfelsaftschorle, Kartoffelgratin und Schlaf, sondern auch Präsenzerleben. Das heißt Nähe, Unmittelbarkeit und das Spüren des Moments. 

Zu viel „Sinn“ und zu wenig Präsenz kann uns krank machen

„Präsenzerleben entsteht durch das metabolische Verhältnis zur Welt.“, erklärt der Psychologe Dr. Karsten Wolf von der Libermenta Klinik Schloss Gracht. „Über den Körper erlebe ich etwas oder spüre einen anderen Menschen und erfahre Resonanz.“ Basierend auf der Philosophie von Hans-Ulrich Gumbrecht („Diesseits der Hermeneutik“) bietet Karsten Wolf an seiner Station eine Präsenztherapie an, eine moderne Therapieform, die bei psychischen Störungen wie Depression oder Angststörung helfen oder derartigen Störungen vorbeugen kann. 

In Momenten des Präsenzerlebens treten unsere Gedanken in den Hintergrund und wir kommen in einen Flowzustand. Wenn wir zum Beispiel mitgerissen werden von der Stimmung bei einem Festival. Oder in der Gesellschaft von Freund:innen die Zeit vergessen und plötzlich feststellen, dass wir die letzten im Restaurant sind. Oder wenn wir beim Joggen all unsere Sorgen hinter uns lassen. Oder die Sonne auf unserer Haut spüren, das Meer rauschen hören, Salz in der Luft riechen und nichts denken außer „hmmmm …“. Solche Momente brauchen wir in unserem Leben, um gesund zu bleiben. Um einen Ausgleich und Gegengewicht zu haben zu der Gedankenwelt, in der wir uns ständig befinden. In der wir planen, To-Dos abhaken, nach Gründen suchen und mit dem Schlimmsten rechnen. Und um Erinnerungen zu schaffen.

„Es geht darum, ein gesundes Oszillieren herzustellen zwischen Präsenz- und Sinnkultur“, sagt Karsten Wolf. Wie das genau aussieht, wie das Verhältnis zwischen beidem sein muss, könne individuell verschieden sein, doch wir alle bedürfen beider Seiten in unserem Leben, so der Psychologe. Wie aber können wir frühzeitig erkennen, dass bei uns ein Missverhältnis besteht? Laut Karsten Wolf können folgende Anzeichen Hinweise auf einen Präsenzmangel sein.

5 Anzeichen für einen möglichen Präsenzmangel

1. Sehnsucht nach Berührung

Die wichtigste und zugleich stärkste Präsenzerfahrung erleben wir grundsätzlich im Kontakt mit anderen Menschen, in der Bindung und der körperlichen wie emotionalen Nähe. Nicht im Zoomcall, nicht im WhatsApp-Chat, sondern im tatsächlichen Zusammensein. Daher kann sich ein Präsenzmangel in einem stark empfundenen Bedürfnis nach menschlicher Nähe und Berührung äußern – nicht in sexueller Hinsicht, sondern generell nach so etwas wie einer Umarmung, einer Hand, die uns über den Rücken streicht oder unsere eigene hält. 

2. Grübelneigung

Wenn wir häufig ins Grübeln geraten, immer wieder in ein Gedankenkarussell hineinrutschen, aus dem wir schwer herausfinden, kann das eine Folge und ein Symptom von zu wenig Präsenzerleben in unserem Alltag sein – und uns häufiger mit Freund:innen zu treffen ist dann eine geeignetere Gegenmaßnahme, als alle möglichen Gedankentricks durchzuprobieren. 

3. Schlafstörung

Aus der Grübelneigung können wiederum Schlafstörungen entstehen. Liegen wir abends oder nachts im Bett und lassen unsere rationalen Gedanken uns nicht zur Ruhe kommen, kann das an einem Übergewicht an Sinnkultur in unserem Alltag liegen. Etwas anderes ist es, wenn wir emotional aufgewühlt sind oder die Eindrücke des Tages emotional verarbeiten – in dem Fall ist nicht auf einen Präsenzmangel zu schließen.

4. Gefühllosigkeit

Involvieren wir zu viel von uns in die abstrakte Welt der Gedanken, bleibt irgendwann nicht mehr genügend mentale Kapazität für Emotionen. Wir erleben Freude und Begeisterung weniger intensiv, spüren kaum Wut oder Trauer, sondern fühlen uns abgestumpft und resigniert.

5. Schwierigkeiten, Gesellschaft zu genießen

Einhergehend mit der Grübelneigung und der Gefühlskälte können bei einem Präsenzmangel Schwierigkeiten entstehen, in Gesellschaft abzuschalten und Anschluss zu finden und uns auf Nähe einzulassen. Fühlen wir uns im Beisammensein mit anderen Menschen oftmals unwohl und isoliert, sind in Gedanken meist ganz woanders als auf der Party oder in dem Café, ist das möglicherweise ein Hinweis darauf, dass unser Präsenzerfahren bereits gestört ist, weil wir zu lange in einem Mangel lebten.

Wer eines oder mehrere dieser Symptome an sich beobachtet, kann am besten durch häufigere, direkte Interaktionen und Kontakte mit anderen Menschen versuchen, mehr Präsenz im eigenen Leben herzustellen. Eine Alltagsroutine, die Treffen mit Freund:innen oder Verwandten oder körperliche Nähe in der Partnerschaft beinhaltet, trägt zu einem gesunden Gleichgewicht zwischen Sinn- und Präsenzerleben und zu unserer psychischen Gesundheit insgesamt bei. „Bindung ist der stärkste Trigger von Präsenzerleben“, sagt Karsten Wolf, „es gibt nichts, was den direkten, menschlichen Kontakt ersetzen kann.“ Denn noch grundlegender als denkende Wesen – sind wir immer noch soziale Wesen.

Wer mehr über das Thema wissen möchte:

  • „Präsenztherapie. Neue Psychotherapeutische Implikatonen im Wandel des abendländischen Denkens“ von Karsten Wolf, Fengli Lan, Friedrich G. Wallner
  • „Diesseits der Hermeneutik. Über die Produktion von Präsenz.“ von Hans Ulrich Gumbrecht
  • libermanta.com für Infomaterial zur Präsenztherapie in der Libermanta Klinik Schloss Gracht

Transformation wird hart

https://www.wiwo.de/politik/deutschland/balzli-direkt-robert-habeck-muss-jetzt-allen-die-wahrheit-sagen/27898024.html

aber NOTWENDIG!

Die Transformation zu einer klimaneutralen Volkswirtschaft wird zum ultimativen Stresstest für die Demokratie. Das sollte endlich offen ausgesprochen werden. 17. Dezember 2021

Plötzlich steht ein Spieler im Ministerium. Einer, der mit Worten spielt, wie sein Vorgänger, aber doch anders, feiner, virtuoser. Und so sitzen die Bilder in seiner Antrittsrede zum Superklima- und Wirtschaftsminister wie Maßanzüge. Robert Habeck steht letzte Woche vor Peter Altmaiers Exbelegschaft und spricht über Skat. Es gebe zwei Typen von Spielerinnen und Spielern. „Die einen können immer nur Grand, von oben herab“, spricht der Schriftsteller in ihm, „die anderen gehen über die Dörfer, buchstäblich, sammeln erst die Karten ein und dann am Ende holt man den Erfolg rein.“ Er glaube, dass die große Transformation, vor der wir stehen, ein Über-die-Dörfer-Gehen bedeutet.

So und ähnlich klingt das schon seit Monaten. Der Weg zum klimaneutralen Deutschland sei ein „hochgestecktes Ziel“, die „große strukturelle Aufgabe unserer Zeit“, die mit „idealistischem Pragmatismus“ zu schaffen sei und auch nur, wenn „mit allen Beteiligten gesprochen werde“.

Richtig schmerzhaft klingt das nicht. Dabei wird es genau das. Nach Corona droht der nächste, größere Stresstest für die Demokratie – nur sagt das keiner. Robert Habeck will zwar reden, aber die brutale Wahrheit nicht verkünden. Denn in großen Transformationen verschlimmert sich vieles, bevor es (vielleicht und nicht für alle) besser wird. Die ersten spüren es schon. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl schlägt Alarm, weil im europäischen Emissionshandel der CO2-Preis kräftig ansteigt. Ohne globalen CO2-Preis sei man nicht wettbewerbsfähig. https://widget.civey.com/2865

Vielleicht lassen sich dieser und ähnliche Brandherde in der Industrie mit Geld aus den staatlichen Transformationstöpfen löschen respektive in ein grünes Industriemuseum umwandeln. Aber bei zwei weiteren Themen geht das nicht so einfach. So verspricht die Ampelkoalition ein Klimageld gegen steigende Energiepreise. Was sie nicht sagt: Es wird zuerst deutlich teurer bis in ein paar Jahren die Entlastung kommt. Franzosen nennen es Gelbwesten-Gefahr. Und die Ampelkoalition will Windräder auf einer Fläche von zwei Prozent Deutschlands und dafür die Genehmigungsverfahren verkürzen. Von rund sieben Jahren auf dreieinhalb. Was sie nicht sagt: Ohne tiefe Einschnitte in die Rechte vieler Betroffener geht das nicht. Anwohner des Tagebaus können davon ein Lied singen.

Steuern für Bayern

https://www.wiwo.de/politik/deutschland/reiche-laender-armer-bund-wie-die-bundeslaender-milliarden-euro-aus-berlin-abgreifen-ganz-vorn-das-reiche-bayern/27926786.html

Das Bundesland Bayern, obwohl das finanzstärkste Bundesland, greift immer mehr Subventionen vom Bundesfinanzministerium ab und jammert, dass es dann wieder etwas in den Länderfinanzausgleich zurückzahlen muss! Unverschämte und egozentrische CSU ! Die CSU-Regierung geben es eh nur für Straßenbau aus und nicht für eine ökologisch unbelastende Energie- und Verkehrsstruktur!

Mit Öko-Konsum die Welt retten ?

Nur zum Teil. Wir haben sicher auch als einzelne VerbraucherInnen Verantwortung und jeder Euro, den wir ausgeben, hat eine Stuerrungsfunktion am Markt und unterstützt Firmen, die umweltbelastend und zerstörerisch produzieren oder eben nicht. Dennoch sind die Konzerne, Produzenten in der Hauptverantwortung und die PolitikerInnen müssen den Rahmen des wirtschaftlichen Handelns so setzen, dass unsere Lebensgrundlagen eben nicht mehr zerstört und ausgebeutet werden. Eine echte Kreislaufwirtschaft nach Norbild der Natur, wäre eine echte Überlebenschance für unsere Kinder und Enkel.

Dennis Frasch macht sich dazu Gedanken:

https://www.watson.ch/schweiz/international/581184198-klimawandel-wieso-du-die-welt-mit-tofu-und-tesla-und-nicht-retten-wirst

1o Grafiken zum Thema Erderhitzung:

https://www.watson.ch/schweiz/international/977950724-wo-steht-die-welt-im-kampf-gegen-den-klimawandel-10-grafiken-vor-cop-26

Regeln für Diskussionen

https://www.nzz.ch/gesellschaft/10-tipps-fuer-die-diskussion-beim-fondue-chinoise-ld.1661692?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

Die Pandemie rief uns ins Gedächtnis, dass nicht nur Konsequenzen hat, was wir tun, sondern auch, was wir nicht tun. Die Corona-Impfung ist nicht nur eine Vorsorgemassnahme, sondern auch eine öffentliche Meinungsäusserung. In gewisser Weise hat die Schweiz zwei neue Parteien bekommen, in die alle aufgenommen werden – ob sie wollen oder nicht. Wer nicht zur einen gehört, gehört zur anderen. «Mir ist egal» gibt es nicht mehr.

Damit steigt auch der Druck zur Rechtfertigung. Alle verspüren den Drang, sich zu erklären und ihre Position zu verteidigen. Eine Welle von Wortgefechten überzieht das Land. Beim Einkaufen, im Büro, beim Sport: Wo immer Menschen aufeinandertreffen, wird debattiert. Ohne Zweifel wird in diesem Jahr auch manches Weihnachtsessen zur Podiumsdiskussion mit Fondue chinoise.

Diese Debatten offenbaren: Die meisten von uns wissen nicht, was Argumentieren eigentlich bedeutet, wie ein Beweis geführt wird und wann es Zeit ist, seine Position aufzugeben. Die Leute zelebrieren Einzelfälle, sehen Zusammenhänge, wo es keine gibt, und glauben, Wissenschaft sei, was ein Wissenschafter sagt.

Als kleine Handreichung in diesem finsteren Mittelalter der Gesprächskultur finden Sie hier zehn Grundsätze, die Ihnen helfen, unter dem Weihnachtsbaum ein vernünftiges Gespräch zu führen. Sie erlauben Ihnen zum Beispiel, die Meinungen Ihrer Gesprächspartnerinnen – und Ihre eigenen – zu prüfen.

Leider wird die Nummer zehn die vorangegangenen neun erschüttern. Trotzdem bleibt die Hoffnung, dass Sie bei aller Ernsthaftigkeit des Themas etwas Lust verspüren, Argumente zu sezieren und dabei herauszufinden, worin sich verschiedene Meinungen wirklich unterscheiden. Und, wer weiss, vielleicht finden Sie dabei sogar heraus, dass Sie gar nicht Ihrer Meinung sind.

1. Die einfachste Erklärung ist in der Regel die beste.

Dieser Leitsatz geht auf den Franziskanermönch William of Ockham zurück, der im 14. Jahrhundert lebte. Die Regel wurde später «Ockham’s razor» genannt – Ockhams Skalpell –, weil sie erlaube, alle komplizierteren Erklärungen wie mit einem Skalpell zu entfernen.

Ockhams Skalpell wird oft missverstanden, weil unklar bleibt, was unter der «einfachsten Erklärung» zu verstehen ist. Auf den ersten Blick scheint es, als ob die Regel absurde Ansichten begünstige. Was ist einfacher, als einen über Nacht aufgetauchten Kornkreis Ausserirdischen zuzuschreiben?

Aber so hat es Ockham nicht gemeint. Er war vielmehr der Meinung, dass man von verschiedenen gleichwertigen Erklärungen jene bevorzugen sollte, die am wenigsten unbekannte Annahmen oder Vorgänge erfordert. Und da schneiden Ausserirdische, von denen niemand weiss, woher sie kommen und was sie wollen, schlechter ab als die lokale Männerriege, die sich in einer feuchtfröhlichen Nacht in einem Kornfeld einen Spass erlaubte.

Ockhams Skalpell ist allerdings kein Gesetz. Die Faustregel sagt bloss, dass die einfachere Erklärung eher zutreffe, nicht, dass sie es immer tue. Trotzdem lohnt es sich, sie zu beherzigen, denn eine einfache Erklärung – die Männerriege war’s – lässt sich auch einfacher überprüfen. Sollte sie sich als falsch herausstellen, kann man die nächstkompliziertere ins Auge fassen. Und wenn es richtig kompliziert wird, kommt Regel zwei zum Zug.

2. Aussergewöhnliche Behauptungen erfordern aussergewöhnliche Beweise.

Diesen Grundsatz wenden wir im Alltag intuitiv an. Wenn uns jemand erzählt, er habe auf dem Weg zur Arbeit ein Einhorn gesehen, erwarten wir Bilder, Zeugen und ein Büschel der Mähne. War das Tier hingegen ein Hund, lassen wir uns ohne Beweise überzeugen.

In ihrer knackigen Form im Titel hat diese Regel der amerikanische Astronom und Wissenschaftskommunikator Carl Sagan in den 1980er Jahren geprägt. Der Grundsatz war aber viel früher bekannt. Der Schweizer Psychologe Théodore Flournoy etwa schrieb schon 1899: «Das Gewicht der Beweise für eine aussergewöhnliche Behauptung muss im Verhältnis zu ihrer Seltsamkeit stehen.»

Das bedeutet allerdings nicht, dass wir bewusst höhere Ansprüche an Beweise für aussergewöhnliche Behauptungen stellen. Beim Einhorn ergeben sich einfach ganz von selbst viel mehr Fragen, die nach einer Antwort verlangen, als beim Hund.

Die Logik des Sagan-Standards, wie die Regel heisst, leuchtet sofort ein. Erstaunlicherweise wird sie trotzdem immer wieder ignoriert. In der Schweiz etwa bei der Homöopathie. Die von Samuel Hahnemann Anfang des 19. Jahrhunderts erfundene Heilmethode ist an Seltsamkeit schwer zu überbieten. Hahnemann behauptete, seine Arzneien seien umso kräftiger, je stärker sie verdünnt würden. Sie wirkten selbst dann noch, wenn, wie sich später nachrechnen liess, kein einziges Molekül vom Ursprungsstoff mehr im Mittel sei.

Die Homöopathie ist das Einhorn der Medizin, der gesunde Menschenverstand – und Carl Sagan – würde also verlangen, besonders gründlich hinzuschauen. Doch genau das Gegenteil geschieht. Seit das Schweizervolk 2009 der Vorlage über die Komplementärmedizin zugestimmt hat, bezahlt die Krankenkasse für die bizarre Methode. Die Zulassungsstelle Swissmedic beschränkt sich bei der Homöopathie darauf, die Qualität der Arzneien zu kontrollieren. Mit anderen Worten: Swissmedic ist zufrieden, wenn sich niemand vergiftet mit dem Zeugs. Von einem objektiven Nachweis der Heilkraft, wie ihn jedes andere Medikament erbringen muss, hat das Schweizervolk die Homöopathie an der Urne dispensiert.

Dass es überhaupt zu einer Abstimmung kam, hat auch mit dem Phänomen zu tun, um das sich die dritte Regel dreht.

3. Einzelfall ist nicht Regelfall.

Wer sich während einer Diskussion in die Ecke gedrängt fühlt, schickt gerne die Tochter einer Cousine des Grossvaters in die Schlacht, die die eigene Position heroisch verteidigen soll: Entweder sie wurde überraschend geheilt oder ist gerade gestorben oder aber hat sonst etwas getan, was die eigenen Argumente in besserem Licht erscheinen lässt.

Das klassische Beispiel einer solchen Konversation dreht sich ums Rauchen:

«Ich habe gelesen, wer rauche, habe ein zwanzigmal so hohes Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken.»

«Das mag wohl sein, aber mein Onkel hat jeden Tag zwei Päckchen geraucht und ist mit 99 tot von seiner Harley gekippt.»

Der langlebige Onkel hat hier zwei Funktionen. Einerseits steht er für die Hoffnung, dass es einem ähnlich ergehen möge, andererseits soll er im eigenen Interesse die Glaubwürdigkeit der Statistik erschüttern. Beides hat in einer Diskussion um die Gefährlichkeit des Rauchens nichts zu suchen. Hoffnung ist selten ein stichhaltiges Argument, und die Statistik zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass sie aus vielen einzelnen Fällen Durchschnittswerte berechnet. Für den 99-jährigen Onkel gibt es auf der anderen Seite des Mittelwerts also einen 37-jährigen Neffen, der an den Folgen des Rauchens gestorben ist. Bloss tritt der in diesen Diskussionen nie auf.

Wie absurd es ist, den Einzelfall gegen den Durchschnitt auszuspielen, zeigt die Körpergrösse. Männer sind im Durchschnitt grösser als Frauen. Selbst wer eine riesige Tante hat, würde das nicht bestreiten. Aber sobald es um weniger offensichtliche Fakten geht, wird der Einzelfall zur beliebten Waffe. Wir haben sie alle schon benutzt, denn sie hat einen unschlagbaren Vorteil: Den Einzelfall können wir sehen, kennen ihn vielleicht sogar persönlich. Er ist oft ein Mensch aus Fleisch und Blut, hat ein Gesicht. Dagegen haben Statistiken mit ihrem Meer aus Zahlen keine Chance. Aus diesem Grund werben Hilfsorganisationen mit grossen Kinderaugen und nicht mit dem Anteil der Hungernden an der Weltbevölkerung in Prozent.

Der prächtigste Einzelfall sind natürlich wir selber. Die eigene Person gewährt uneingeschränkte Akteneinsicht und den unverstellten Blick ins Innenleben. Das wollen wir jedenfalls glauben. Und so vertrauen wir eher dem Eindruck, eine Arznei der traditionellen chinesischen Medizin habe uns geholfen, als der Wissenschaft, die kaum eine Heilwirkung nachweisen konnte. Das ist im Grunde erstaunlich, denn mittlerweile sind wir mit dem Placeboeffekt vertraut. Wir wissen, dass eine heilende Wirkung auch ohne Wirkstoff allein aufgrund der Erwartung an eine Arznei eintreten kann. Wir können uns auch gut vorstellen, dass dieser Effekt bei anderen Leuten zum Tragen kommt, bloss bei uns selbst schliessen wir das aus.

Unserem Erleben nicht zu viel Gewicht beizumessen, ist enorm schwierig. Es verlangt nichts weniger, als sich selber von aussen zu betrachten. Als möglichen Placebofall, der auf das knallige Rot einer Pille hereinfällt, als kleinen Datenpunkt in einer Statistik, vielleicht weit abseits des Durchschnitts. Es verlangt den unerhörten Akt, das Ergebnis einer wissenschaftlichen Studie über die eigene Erfahrung zu stellen. Es verlangt, uns selber zu misstrauen und uns nicht als den Mittelpunkt der Welt zu sehen.

Dass das so schwer ist, hat mit jener hervorragenden Eigenschaft unseres Gehirns zu tun, die Regel vier behandelt.

4. Zwei Ereignisse, die nacheinander auftreten, müssen nichts miteinander zu tun haben.

Der Mensch verdankt seinen Erfolg als Art zu einem wesentlichen Teil seiner Fähigkeit, Muster zu erfassen. Das gilt sowohl für räumliche Muster als auch für zeitliche. Unser Gehirn kann nicht nur meisterhaft Gesichter und Strassenschilder erkennen, es ist auch wahnsinnig gut darin, von Ereignissen auf ihre Auslöser zu schliessen. Vom Wachstum der Pflanzen auf den Regen, der zuvor gefallen ist, von den Bauchschmerzen auf die verzehrten Pilze.

Leider ist diese Fähigkeit so stark ausgeprägt, dass wir Muster sehen, wo in Tat und Wahrheit der Zufall am Werk ist. Dann erkennen wir Zusammenhänge, wo es keine gibt. Viele Leute sind zum Beispiel heute noch der Überzeugung, dass sie sich erkälten, wenn sie frieren. Schliesslich treten Erkältungen gehäuft im Winter auf. Doch dieser Zusammenhang konnte in unzähligen Experimenten nie belegt werden. Erkältungen treten vielmehr vor allem im Winter auf, weil wir uns vermehrt mit anderen Leuten in schlecht gelüfteten Räumen aufhalten und uns dabei anstecken.

Der Grund, weshalb sich der Mythos so hartnäckig hält, beruht auf einer Täuschung unserer Wahrnehmung: Wenn wir uns erkältet haben, ist es einfach, uns an eine Situation zu erinnern, in der uns kalt war. Doch alle die Momente, in denen wir froren und später nicht erkrankten, holen wir uns nie ins Gedächtnis zurück.

Wenn die Mustererkennung übertreibt, entstehen Aberglaube und Pseudowissenschaft, die schwer zu korrigieren sind. Es ist wie bei der Erkältung: Wer erst einmal von einem Zusammenhang überzeugt ist, wird ihn immer wieder bestätigt sehen.

Korrelation bedeutet nicht Kausalität: Das ist einer der bekanntesten Merksätze in der Wissenschaft. Der amerikanische Jurastudent Tyler Vigen veranschaulichte ihn geistreich, indem er nach Datenverläufen suchte, die über Jahre parallel stattfinden, aber nichts miteinander zu tun haben. Zum Beispiel die Scheidungsrate in Maine und der Pro-Kopf-Verbrauch von Margarine in den USA oder die Population der Weissstörche und die Geburtsrate in den Niederlanden. Die Leute lassen sich aber nicht häufiger scheiden, weil sie mehr Margarine essen. Und es werden nicht mehr Kinder geboren, weil es mehr Störche in den Niederlanden gibt.

Diese Scheinkorrelationen sind leicht erkennbar. Bei Impfnebenwirkungen ist das schwieriger. So gelang es Impfgegnern im Juni 2021, einen Fachartikel zu publizieren, in dem sie behaupteten: «Für drei durch die Impfung verhinderte Todesfälle müssen wir zwei durch die Impfung verursachte Todesfälle in Kauf nehmen.» Das wäre tatsächlich völlig inakzeptabel gewesen.

Wie sind die Impfgegner auf ihr erstaunliches Ergebnis gekommen? Sie stellten die Zahl der geimpften Personen in den Niederlanden den Todesfällen gegenüber, die nach einer Impfung auftraten. Weil sich in den Niederlanden, wie überall auf der Welt, ein grosser Teil der Bevölkerung impfen liess, ereigneten sich einige der durchschnittlich 150 000 jährlichen Todesfälle in den Niederlanden nach der Impfung. Die Autoren der inzwischen zurückgezogenen Studie erweckten den Eindruck, die beiden Dinge hätten etwas miteinander zu tun.

Das klingt aus der Distanz alles ganz rational. Aus Todesfallstatistiken lässt sich einfach berechnen, wie viele solche Zufälle es etwa geben sollte. Aber unsere exzessive Mustererkennung lässt sich von Zahlen nicht beeindrucken. Menschen etwa, die zwei Tage nach der ersten Corona-Impfung an Covid erkranken, sind schwer davon zu überzeugen, dass nicht der Impfstoff schuld daran sein soll. Dass eine Ansteckung durch den Impfstoff biologisch unmöglich ist, ist ein schwaches Argument gegen die Erfahrung, dass man A gespritzt bekam und kurz darauf an B erkrankte.

Doch selbst wer die eigenen Erfahrungen unterdrückt und der Wissenschaft vertraut, steht vor einem Problem: Wem soll er glauben? Davon handelt der fünfte Grundsatz.

5. Geniale Aussenseiter sind selten.

Wissen Sie, wer Serge Voronoff ist? Vor hundert Jahren war Voronoff ein weltberühmter Mediziner, der zur «Verjüngung alter Männer» in Scheiben geschnittene Affenhoden transplantierte. Damit hatte er einen solchen Erfolg, dass die Operation in der ganzen Welt nachgeahmt wurde und Voronoff im französischen Menton ein eigenes Affenhaus unterhielt. Wenn Sie Voronoff trotzdem nicht kennen, dann aus einem einfachen Grund: Obwohl seine Patienten und wohl auch er jahrelang von der Wirkung der Methode überzeugt waren, gibt es aus heutiger Sicht keine Indizien, dass sie tatsächlich jemanden verjüngte.

Wer diskutiert, führt zwangsläufig Fakten ins Feld, die er nicht selber überprüft hat. Es ist eine universelle Tatsache, dass wir alle nur einen winzigen Bruchteil der Welt aus eigener Erfahrung kennen. Wir müssen einfach glauben, dass die Erde eine Kugel ist. Mit eigenen Augen haben das nur 568 Raumfahrerinnen und Raumfahrer gesehen. Was wir für richtig und wahr halten, kommt aus Büchern und von Youtube, von Freunden und Experten.

Dass wir ständig mit Wissen aus zweiter Hand hausieren, kann zu kuriosen Szenen führen. Etwa wenn in einem Gespräch einer die Frage stellt: «Woher weisst du, dass die Erde rund ist?» Die Zeit, in der Selbstverständlichkeiten keiner Belege bedurften, ist vorbei. Sich auf einen Wissenschafter zu berufen, macht die Sache nur noch schlimmer. Denn mit Sicherheit kennt Ihre Gesprächspartnerin einen Wissenschafter, der das Gegenteil behauptet. Ist das das Ende der Diskussion? Ist jede Behauptung so gut wie ihr Gegenteil, solange sie ein Experte bestätigt?

Hier erliegen viele Leute einem grundsätzlichen Missverständnis über das Wesen der Wissenschaft. Aus Mangel an Fachwissen haben sie Wissenschaft umdefiniert: Wissenschaft ist, was ein Wissenschafter sagt. Und wenn Wissenschafter unterschiedliche Dinge sagen, sucht man sich den passenden aus.

Aber der Kern der Wissenschaft liegt gerade darin, dass ihre Erkenntnisse weitgehend unabhängig von Menschen und Kulturen sind. Sie wurden durch Beobachtungen und Experimente erhoben und können jederzeit durch neue Beobachtungen und Experimente revidiert werden. Weil Sie aber unter dem Weihnachtsbaum die nötigen Experimente nicht schnell selber durchführen können, hilft Ihnen das in einer Diskussion wenig. Doch etwas anderes hilft.

Was die Mehrheit der Wissenschafter für richtig hielt, stellte sich im Nachhinein meistens auch als richtig heraus. Natürlich gibt es Ausnahmen: Ignaz Semmelweis drang mit seiner Erkenntnis, Händewaschen verhindere das Kindbettfieber, nicht zu den Ärzten durch, und Alfred Wegeners Auffassung, dass die Kontinente wandern, wurde erst nach seinem Tod akzeptiert. Solche Beispiele werden oft herangezogen, um die Meinungen am Rand der Wissenschaft zu legitimieren. Einer der Forscher könnte ja der neue Semmelweis sein. Das ist zwar tatsächlich möglich, aber höchst unwahrscheinlich. Ähnlich wie bei der Erkältung spielt uns auch hier die Wahrnehmung einen Streich.

Die Treffsicherheit von einzelnen Querschlägern in der Forschung wird überschätzt, weil wir uns nur an jene erinnern, die recht behalten haben, und nicht an jene, die an der Existenz des Aids-Virus zweifelten oder glaubten, das Perpetuum mobile erfunden zu haben, oder wie Voronoff Affenhoden transplantierten. Als Laie ist man bei der Mehrheitsmeinung bestens aufgehoben. Wer dem wissenschaftlichen Konsens vertraut, ist kein Schlafschaf, das blind der Herde folgt, sondern hat ganz einfach in den meisten Fällen recht.

Und nun zur wichtigsten Frage, die viel zu selten gestellt wird.

6. Was würde Sie vom Gegenteil überzeugen?

Mit dieser lapidaren Frage lassen sich Gesprächspartner mit einer festen Meinung leicht aus dem Tritt bringen. Wem darauf nicht schnell eine Antwort einfällt, hat ein Problem: Er hat eben zugegeben, dass sich jede weitere Diskussion erübrigt.

Die Frage ist die einfachste Formulierung einer Erkenntnis des Wissenschaftsphilosophen Karl Popper. Popper beschäftigte in den 1930er Jahren, wie sich Pseudowissenschaften wie die Psychoanalyse oder der Marxismus von der Wissenschaft abgrenzen lassen. Dabei stiess er auf ein einfaches Kriterium: Die Wissenschaft zeichnet sich dadurch aus, dass ihre Erkenntnisse widerlegt werden können.

Für unsere Diskussion heisst das: Wem nicht einfällt, was ihn zu einem Meinungswandel bewegen könnte, der hat keine Meinung, sondern einen Glauben. Fragen Sie religiöse Menschen, welches objektiv überprüfbare Phänomen sie von ihrem Glauben abbringen würde. Die Antwort bleibt aus – völlig zu Recht, schliesslich behaupten sie nicht, ihr Glaube sei Wissenschaft. Wenn allerdings Komplementärmediziner, Impfgegner und Klimaskeptiker keine Antwort darauf haben, dann sind ihre Beweggründe pseudoreligiös. Aber natürlich müssen auch Impfbefürworter und die Klimajugend ihre Thesen immer wieder an dieser Frage prüfen. Überlegen Sie sich also Ihre Antwort vor dem Weihnachtsessen. Wenn Sie keine finden, sollten Sie über das Motiv Ihrer Haltung nachdenken.

Eines der wichtigsten Merkmale der Wissenschaft ist, dass ihre Erkenntnisse falsifizierbar sind. Das Umgekehrte gilt hingegen nicht: Wissenschaftliche Aussagen lassen sich grundsätzlich nicht bestätigen. Das mag Laien überraschen, aber es ist einfach einzusehen. Die Überzeugung, dass alle Schwäne weiss sind, bewährt sich zwar mit jeder Sichtung eines weissen Schwans, bewiesen ist sie aber auch beim hunderttausendsten weissen Schwan nicht. Ein einziger schwarzer Schwan reicht, um die Hypothese zu Fall zu bringen.

Zu beweisen, dass es etwas nicht gibt, ist aus logischen Gründen unmöglich. «You can’t prove a negative», sagen die Wissenschafter. Politiker, die verlangen, eine neue Technik dürfe erst eingesetzt werden, wenn sie zu hundert Prozent sicher sei, sollten einen Kurs in Logik besuchen, denn sie werden ewig warten – was sie vielleicht tatsächlich möchten. Hardcore-Impfgegner werden sich wegen der unbewiesenen Sicherheit auch in zehn Jahren nicht gegen Corona impfen lassen.

Die Tatsache, dass sich die Nichtexistenz einer Sache nicht beweisen lässt, kann zu einem endlosen Schlagabtausch führen. Dagegen hilft der Leitsatz Nummer sieben.

7. Was ohne Belege behauptet wird, kann ohne Belege verworfen werden.

Es gibt nichts Ermüdenderes als Gesprächspartner, die eine abseitige Behauptung aufstellen mit dem Nachsatz: «Beweise mir, dass es nicht so ist!» Als gäbe es am Weihnachtsabend nichts Aufregenderes, als irgendwelche Hirngespinste zu widerlegen. Für solche Fälle hat der britisch-amerikanische Intellektuelle Christopher Hitchens 2009 in seinem Buch «God Is Not Great» die Faustregel im Titel aufgestellt.

Wer behauptet, Bill Gates habe den Corona-Impfstoff mit elektronischen Chips versehen, müsste mindestens einen solchen Chip aus der Blutbahn fischen. Wer behauptet, das World Trade Center sei beim Terroranschlag von 2001 in Tat und Wahrheit von der amerikanischen Regierung gesprengt worden, müsste nach zwanzig Jahren mindestens einen Zeugen dieser monumentalen Aktion gefunden haben. Schliesslich hätten Dutzende, wenn nicht Hunderte von Leuten daran beteiligt gewesen sein müssen. Bleiben solche Belege aus, können Sie es sich sparen, überhaupt dazu Stellung zu nehmen.

Der nächste Grundsatz weicht von den bisherigen ab. Für einmal geht es um die Folgen Ihrer Ansichten.

8. Was wäre, wenn ich nicht recht hätte?

Selbst wer der unerschütterlichen Überzeugung ist, recht zu haben, sollte sich diese Frage immer wieder stellen: Welche Folgen hat es für mich und andere Leute, wenn meine Meinung sich durchsetzt? Je dramatischer die Folgen, desto sicherer muss ich meiner Sache sein.

Im Alltag machen wir das ganz selbstverständlich. Wir würden ein Kind niemals allein ins tiefe Wasser lassen, wenn wir nur ziemlich sicher wären, dass es schwimmen kann. Aber wenn die Folgen uns über eine Ecke mehr erreichen, setzt dieser Instinkt oft aus. Das schlagende Beispiel ist die Maskenfrage bei Corona.

Selbst wer glaubt, die Wirksamkeit von Hygienemasken gegen Ansteckungen sei nicht erwiesen, und deshalb gegen die Maskentragpflicht kämpft, muss sich die Frage stellen, was die Konsequenzen wären, wenn er nicht recht hätte. So betrachtet spricht plötzlich wenig gegen die Masken. Sie mögen unangenehm sein, die Umwelt verschmutzen und Geld kosten. Aber angesichts der realistischen Möglichkeit, dass sie Menschenleben retten, verblassen diese Nachteile.

Jetzt müssen Sie stark sein. Punkt neun ist heftig.

9. Die Meinung zu ändern, zeugt nicht von Schwäche.

Für Leute, die ihre Meinung ändern, stellt uns die Sprache ein Arsenal an negativen Adjektiven bereit: unstet, labil, flatterhaft, wankelmütig. Solche Leute sind wahlweise Verräter oder Opportunisten, die ihre Fahne in den Wind hängen. Menschen, die gegen jeden Widerstand an ihrer Meinung festhalten, gelten dagegen als standfest, integer, prinzipientreu und loyal.

Doch der Meinungswechsel hat zu Unrecht einen schlechten Ruf. Er ist nicht tabu, weil wir wissen, dass unsere Meinungen die besten sind, sondern weil Meinungen immer auch ein soziales Signal senden. Sie sind Solidaritätsparolen, die zeigen, zu welcher Gruppe wir gehören – oder gehören wollen. Deshalb fühlt sich ein Meinungswechsel immer ein bisschen wie Verrat an. Wer sich etwa in einem impfkritischen Umfeld bewegt und seine Haltung zur Impfung ändert, läuft Gefahr, Freunde zu verlieren. Wegen dieser sozialen Ächtung ist der Meinungswandel in Verruf geraten.

Deshalb sollten Sie nicht dem Trugschluss verfallen, die Meinung zu ändern, sei charakterlos. Sie zeigen damit keine Schwäche, sondern dass Sie etwas gelernt haben.

Und jetzt kommt der versprochene Spielverderber.

10. Alle glauben, die Welt objektiv zu sehen.

Leider macht dieser letzte Grundsatz die vorangehenden ein Stück weit zunichte. Er handelt von einem Umstand, der derart selbstverständlich ist, dass lange Zeit niemand realisierte, welche dramatischen Folgen er für die Meinungsbildung hat: Jeder Mensch glaubt die Welt so zu sehen, wie sie ist. Daraus folgt: Wer die Welt nicht so sieht, ist entweder schlecht informiert, dumm oder böse. Das offensichtliche Problem daran ist natürlich, dass alle anderen auch so denken.

Dieses paradoxe Phänomen heisst in der Psychologie naiver Realismus, und leider kann ihm niemand entkommen. Der Glaube, die Welt objektiv wahrzunehmen, ermöglicht uns erst, vernünftig zu leben. Müssten wir ständig an unserer Wahrnehmung zweifeln, wären wir nicht handlungsfähig. Es bleibt deshalb nichts anderes übrig, als uns damit abzufinden: Menschen können andere Meinungen vertreten, ohne schlecht informiert, dumm oder böse zu sein.

Und es kommt noch schlimmer: Die Fähigkeit, seine Meinung aufgrund neuer Informationen zu ändern, nimmt mit steigender Intelligenz nicht etwa zu, sondern ab. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass intelligente Menschen ihre Geisteskraft nicht dazu einsetzen, neues Wissen zu evaluieren und ihre Ansicht zu überprüfen, sondern dazu, ihre bisherige Haltung zu festigen und Widersprüche wegzuerklären. Wir verfügen über ein ganzes Arsenal von Waffen, die verhindern, dass wir die Meinung ändern: Wir sind neuen Argumenten gegenüber selektiv kritisch, suchen gezielt nach Informationen, die unsere Meinung bestätigen, und halten eher für wahr, was wir uns wünschen.

Das machen wir alle, bloss erkennen wir es bei den andern besser als bei uns selbst. Sie müssen also damit rechnen, dass Sie an Weihnachten auf Leute treffen, die die Faustregeln in diesem Artikel für ihre eigenen Zwecke nutzen. Ihre Gesprächspartnerinnen werden die einfachere Erklärung bereithaben, den unzulässigen Einzelfall bei Ihnen entdecken und nach aussergewöhnlichen Beweisen für aus ihrer Sicht aussergewöhnliche Behauptungen verlangen. Es ist nicht einfach, zu akzeptieren: Für Ihre Meinung ist im Universum kein spezieller Platz reserviert.

Die Vielfalt des Lebens

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„Baum des Lebens“ komplett: 2,2 Millionen Spezies auf einen Blick

Seit neun Jahren arbeiten britische Forscher an einer Visualisierung der Beziehung aller gegenwärtigen Spezies zueinander. Nun ist ihr „Tree of Life“ fertig.

Anstatt aber ehrfurchtsvoll und mit Respekt vor dem Wunder des LEbens zu stehen und es zu schützen versuchen, beuten wir alles weiterhin gnadenlos aus, mit Stumpf und Stiel. NICHTS soll mehr wachsen, nur noch was Gewinn und Geld bringt ! Wie krank sind wir gierigen Industriemenschen eigentlich?

20.12.2021, von Martin Holland

Ein vor mehr als neun Jahren vorgestellter online abrufbarer „Baum des Lebens“ umfasst nun mehr als 2,2 Millionen auf der Erde lebende – beziehungsweise erst vor Kurzem ausgestorbene – Spezies und ist damit „komplett“. Der interaktive Überblick ist unter OneZoom.org einsehbar und kann stufenlos vergrößert werden. Zu erkunden sind auf einem scheinbar endlosen Baum alle bekannten Arten von Lebewesen und ihr Verhältnis zueinander, also etwa, wann der letzte gemeinsame Vorfahr gelebt hat. Die für das Projekt verantwortlichen Biologen sprechen vom „Google Earth der Biologie“. Für 85.000 Spezies ist in dem Projekt ein Bild hinterlegt, für viele ist außerdem angegeben, wie gefährdet sie sind.

Auf dem schier endlosen Baum unter OneZoom.org werden alle bekannten Spezies durch ein Blatt symbolisiert. Das ist grün, wenn die Art nicht gefährdet ist, rot steht für gefährdet und schwarz für „kürzlich ausgestorben“. Die meisten der Blätter sind jedoch grau, weil es keine Einstufung gibt. Der „Tree of Life“ kann einfach per Zoom und Klick (beziehungsweise mobil per Touch) erkundet werden, es gibt aber auch ein Suchfeld, um direkt zu einer bestimmten Spezies zu springen. Dabei wird standardmäßig die Browser-Sprache benutzt, es werden also auch deutsche Namen erkannt. Zusätzlich können auch mehrere Arten gesucht und deren Verbindung angezeigt werden. So erfährt man etwa, dass der letzte gemeinsame Vorfahr der Menschen und der Stiel-Eiche vor 2,15 Milliarden Jahre gelebt haben. Unser Urahn mit den Löwen war dagegen vor 85 Millionen Jahren Zeitgenosse der Dinosaurier.

Für die Fertigstellung des seit 2012 verfügbaren Projekts – damals lediglich mit 5000 Säugetierarten – haben James Rosindell vom Imperial College London und Yan Wong von der Universität Oxford neue Algorithmen entwickelt und Big Data aus verschiedenen Quellen einbezogen. All das per Hand zusammenzutragen, wäre unmöglich gewesen, erklären sie. Das Ergebnis zeige nun unter anderem auch, wie viel „noch zu tun ist“, meint Wong. Einbezogen haben sie auch eine Angabe zur „Popularität“ einzelner Spezies auf der englischsprachigen Wikipedia, also welche Seiten dort am häufigsten angesehen wurden. Unter den Säugetieren ist demnach der Mensch – wenig überraschend – ganz vorne, immer wieder sei er aber vom Wolf, der Spezies, zu der auch Hunde gehören, verdrängt worden. Für die Hauskatze reichte es dagegen nur zu Platz 12. Bei den Pflanzen führt demnach Hanf vor dem Gemüsekohl.

Die beiden Forscher hoffen nun, dass der fertige Baum des Lebens etwa in Museen oder Zoos einbezogen wird, um die immense Vielfalt des Lebens auch dort zu visualisieren, wo die Artenvielfalt zumindest in Teilen direkt vorgestellt wird. Mit einer eigenen Stiftung wollen sie außerdem die Öffentlichkeit über Evolution, Biodiversität und den Artenschutz informieren. Zur finanziellen Unterstützung können die einzelnen Blätter „adoptiert“ werden. Den aktuellen Stand des Projekts haben sie im Fachmagazin Methods in Ecology and Evolution vorgestellt.

Die Kunst KEIN Egoist zu sein!

Richard David Precht über die Erziehung zum Egoismus und Narzißmus durch die Industrie, Wirtschaft, Werbung, über die ENTsolidarisierung, die Entfremdung von uns selbst und Alternativen dazu, durch mehr Solidarität, Pflicht zur gegenseitigen Hilfe, einem Pflichtjahr, bevor es in einer Barbarei endet!